Viktor am 28. Oktober 2007 auf dem Roten Platz in Moskau Viktor am 28. Oktober 2007 auf dem Roten Platz in Moskau

Viktor Vukadinowitsch ist ein alter und sehr beliebter Freund der Müsener Bären. Er besucht uns gelegentlich und übernimmt dann das Amt des Tankwarts.

 

Viktors Werdegang:

 

Viktor Aleksei Maxim Wladimir Kostja Juri Vukadinowitsch wurde am 10. März 1948, dem gleichen Tag wie Waldemar „Waldi“ Hartmann, in Dudinka (russischen Region Krasnojarsk) als einzigster Sohn der Krankenschwester Anjuta Jelena Zhanna Vukadinowitsch (geborene Bondarenko / *21. Januar 1924 in Obraschejewka, Ukraine) und des Hafenarbeiters Aleksei Maxim Ljoscha Vukadinowitsch (*21. November 1922 in Dudinka) geboren. Er besuchte die "Volksschule Rote Revolution", die er im Sommer 1965 beendete. Im August des gleichen Jahres meldete Viktor sich zum Kriegsdienst bei der Roten Armee, welchen er bei der 33. Raketenarmee in Omsk antrat. Er wurde allerdings nach zwei Jahren und acht Monaten im Stand des "einfachen Soldaten" unehrenhaft entlassen, da man ihn und seinen Kameraden Mischa Wowa Uljanow dabei erwischt hatte, wie sie am 4. April 1968 (im übrigen der Tag an dem Martin Luther King erschossen wurde) betrunken versuchten den Song "Like a Rolling Stone" von Bob Dylan, den sie sich als Single auf dem Schwarzmarkt besorgt hatten, über einen Lautsprecher auf dem Kasernenhof abzuspielen. Aufgrund der politischen Hintergründe wurde Viktor zusätzlich von einem Militärgericht zu 2 Jahren und 4 Monaten Zuchthaus verurteilt. Diese, zur sowjetischer Zeit, unglaublich milde Strafe hatte er der Jugendliebe seiner Mutter, Iwan Nikitowitsch Koschedub, zu verdanken. Dieser sowjetische Kriegsheld (u.a. dreifacher "Held der Sowjetunion") setzte sich, auf ihr Bitten hin, für ihn ein und sorgte dafür das aus der ursprünglichen Strafe von 11 Jahren Arbeitslager eben diese gemacht wurde. Später gab Koschedub an dies "ausschließlich" aus Verbundenheit zu Anjuta Vukadinowitsch getan zu haben, da er Viktor schon immer für einen Versager gehalten habe. Was aus Mischa Uljanow wurde weiß man nicht genau, da sich seine Spur im sowjetischen Strafvollzug verliert.

 

Die Haft war für Viktor eine sehr harte Zeit, da Alkohol nur sehr selten und unregelmäßig zur Verfügung stand. Allerdings sollte die Gefangenschaft auch seine guten Seiten haben. So musste Viktor nicht an der gewaltsamen Niederschlagung des "Prager Frühlings" am 21. August 1968 durch den Warschauer Pakt, an der auch Infanteristen seiner ehemalige Armee beteiligt waren, teilnehmen.

 

Nachdem Viktor seine Strafe abgesessen hatte (entlassen wurde er am 15. August 1970, dem ersten Tag des "Woodstock-Festivals"), wollte er eigentlich zurück zu seiner Familie nach Dudinka, wovon ihm sein Vater allerdings abriet, da in seiner Gegend jeder von der Haftstrafe wusste und er mit Querelen zu rechnen hatte. Er zog zunächst nach Swerdlowsk (heute Jekaterinburg). Dort musste er, aufgrund dessen das er kaum Geld hatte, einige Tage auf der Straße leben. Dies änderte sich erst als er den damalige Leiter des Wohnungsbaukombinats Boris Jelzin in einer Kneipe kennen lernte. Jelzin, von 1991 an erster Präsident Russlands, besorgte Viktor eine kleine Wohnung im Stadtzentrum. Leider hielt die Freundschaft nicht lange, da Jelzin vom KGB über Viktors Vergangenheit informiert wurde. Oft wird die kurze Verbindung der beiden als Grund für die spätere Alkoholkrankheit Jelzins angegeben, da Vukadinowitsch schon damals sehr viel trank.

 

Da Viktor sich ständiger Schikane seitens der Polizei und Observation durch den KGB ausgeliefert sah, entschloss er sich Ende Dezember 1970 einen Ausreiseantrag in die DDR zu stellen, was er dann auch tat. Am 3. Mai '71, also nach gerade mal 5 Monaten, wird sein Antrag überraschender Weise angenommen, so das er sich am 21. Mai in Richtung DDR aufmacht. Spätere Behauptungen der damalige Generalinspekteur des Verteidigungsministeriums Wassili Iwanowitsch Tschuikow, unter dem Viktors Vater in den Schlachten um Stalingrad und Berlin als dessen Adjutant (Aleksei Vukadinowitsch ist Träger des "Vaterländischer Verdienstorden II. Klasse und I. Klasse) diente und die auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch regelmäßigen Briefkontakt hatten, hätte sich für die Ausreise stark gemacht, konnten nie bewiesen werden.

Das Telecafe heute Das Telecafe heute

Viktor entschied sich zuerst in die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik zu reisen. In Ostberlin angekommen lebt er in eher bescheidenen Verhältnissen im Bezirk Prenzlauer Berg. Er arbeitete in dieser Zeit als Kellner im "Telecafé", dem Restaurant des Berliner Fernsehturms. Die deutsche Sprache eignet er sich mit Hilfe von Bier- Schnaps- und Weinflaschenetiketten an, was auch sehr gut klappte, allerdings zur folge hatte das er immer sehr versoffen sprach und sich am liebsten über Alkohol unterhielt. Im Frühjahr 1973 wurde er dann aufgrund von starker Trunkenheit am Arbeitsplatz entlassen. Aus seinem Arbeitszeugnis geht im übrigen hervor das er mehrfach beim stehlen von Alkoholika erwischt worden war. Viktor entschloss sich daraufhin seine Hingabe für den Alkohol zum Beruf zu machen. Er zieht in die im Bezirk Halle gelegene Stadt Freyburg, in der der Sektproduzent VEB Rotkäppchen-Sektkellerei ansässig ist. Dort beginnt er am 01.08.1973, dem Todestag des ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR Walter Ulbricht, 25 jährig eine Ausbildung zum Sommelier.

 

Die damals zweijährige Ausbildung war nach Viktors eigener Aussage die beruflich "schönste Zeit" seines Lebens. Er lernte schnell und machte sich unter seinen Kollegen und Vorgesetzten einen Namen als "Superstift". Allerdings störte ihn nach wie vor die Bevormundung durch den Staat und natürlich auch die Tatsache das er, aufgrund seiner Vergangenheit, permanent von der Staatssicherheit beobachtet wurde.

Nachdem er am 7. August 1975 seine Sommelierprüfung, "hackestramm", aber mit Bestnote abgeschlossen hatte, arbeitete er zunächst in einer kleinen Gaststätte Namens "Balkan Haus" in Halle. Hier lernte er Ende 1975 den damalige Trainer des Fußball-Oberligisten Hallescher FC Chemie Jörg Berger (später u.a. Trainer in Köln und Schalke) kennen. Sie verstanden sich auf Anhieb sehr gut und wurden schnell Freunde. Berger, der ab '76 Trainer der Nachwuchs-Auswahlmannschaft der DDR war, bot Vukadinowitsch an, ab Juli 1976 Getränkewart der gesamten Nationalmannschaft zu werden. Da er sich dachte das so die Möglichkeit entstehen könnte auch in anderen Ländern Alkohol zu genießen, nahm er das Angebot an und begann seinen Dienst bereits am 1. des Monats.

 

Anfänglich war Viktor noch nicht klar welche ungeheure Möglichkeit sich aufgrund dieser neuen Anstellung ergeben sollte. Ende März '79 war die Fußball-Jugendauswahl anlässlich eines Spiels zu Gast in der jugoslawischen Stadt Subotica. Viktor hatte sich, während des Trainings am 29.03 im Subotica City Stadium, für den Abend des Folgetages mit Jörg in einer Kneipe nicht weit von ihrem Hotel "Гатеуаы на слободи" verabredet. Viktor ging an besagtem Abend schon leicht angetrunken, nach dem überprüfen der Getränkereserven für das morgige Spiel, also in die Kneipe.

Nachdem er über 2 1/2 Stunden (und ca. 22 Bier und 17 Schnäpsen) vergeblich auf Jörg gewartet hatte, verließ er gegen 22 Uhr, etwas sauer und stark betrunken, die Kneipe, wobei er bemerkte das sie sich direkt gegenüber der Hauptbahnhof befand. Er entschloss sich daraufhin kurz mal nachzusehen ob es dort noch die Möglichkeit gäbe einen „kleinen Absacker“ zu trinken. Er ging herüber und als er im Bahnhof stand fiel ihm auf, das sich im gesamten Gleisbereich keinerlei Polizei oder Militär befand. Nachdem er sich ein wenig umgesehen hatte, entdeckte er auf einem der hinteren Gleise einen Zug der laut Plan in wenigen Minuten losfahren sollte. Als Viktor das Ziel des Zuges, der wie sich später herausstellte ein Sonderzug der Österreichischen Regierung war, lass, glaubte er seinen (zugegebenermaßen alles doppelt sehenden) Augen kaum: Vienna!

Sofort kletterte er unter einen der Wagons und versuchte, in der großen Hoffnung die verhasste Sowjetunion nun verlassen zu können, sich irgendwie festzuhalten. Leider, oder eher zu seinem Glück, hatte ihn aber der im Zug sitzende Edmund Entacher, ein österreichischer Offizier der zur Bewachung des Zuges eingeteilt war, gesehen. Entacher stieg sofort aus, kniete sich neben den Wagon und stellte Vukadinowitsch zur Rede. Viktor erklärte ihm wer er sei und das er keinerlei Böse Absichten habe. Entacher, der zu Viktors Vorteil großer Fußballfans war, erkannte ihn, da er ihn auf einem Pressefoto der Einweihung des "Stadion der Bauarbeiter" des FSV Krumhermersdorf von 1978, an der Viktor als Vertreter der Nationalmannschaft teilnahm, gesehen hatte. Er zögerte keine Sekunde und ließ Viktor in den Zugabteil einsteigen. Im inneren befanden sich, außer drei weiterer Soldaten noch Willibald Pahr, seines Zeichens österreichischer Außenminister. Alle starten den Russen und den Offizier verdutzt an, bis er ihnen erklärte wer Viktor sei und das er vorhabe im die Flucht zu ermöglichen. Zu Viktors riesiger Verwunderung stimmten alle sofort zu.

Viktor im "Stadion der Bauarbeiter" 1978 Viktor im "Stadion der Bauarbeiter" 1978

Sie entschlossen ihn in der zugeigenen Bar, oder besser gesagt in deren Kühlschrank zu verstecken, da, wie sie meinten, die Grenzkontrolleure das Bordlokal nur in der Form durchsuchen würden, das sie sich aus den Vitrinen bedienen würden. Also willigte Herr Vukadinowitsch ein und kletterte in den lediglich mit zwei Flaschen Bier und einem kleinen Underberg gefühlten Kälteschrank. Frieren musste er nicht da er so betrunken war und, unmittelbar nachdem der die drei Flaschen gelehrt hatte, sofort einschlief. Er wachte auch erst gegen Nachmittag des nächsten Tages auf als sie bereits in Österreich waren, womit er der Wohl einzige Erwachsene sein dürfte der im Schlaf aus der UdSSR geflohen ist. Auf dem Wiener Ostbahnhof angekommen verabschiedeter Viktor sich von allen Beteiligten, allerdings ohne das die es noch mitbekamen, da Edmund Entacher & Willibald Pahr zu dieser Zeit mit den Gedanken schon bei der einen Monat später stattfindenden Nationalrastwahl waren. Auch die drei übrigen Soldaten schenkten Viktor keine Aufmerksamkeit, da sie, aufgrund dessen das sie alle drei persischer Vorfahren hatten, gespannt Ajatollah Khomeini im Radio lauschten, der gerade die Iranische Republik verkündete.

 

Nun befand sich der 31 Jahre alte Viktor Vukadinowitsch endlich in der freien Welt. Da Wien allerdings nicht zu den Städten zählte die für ihre guten Alkoholika bekannt waren, brach er nach einem kurzen Kaffeehaus Besuch sofort in Richtung Rom auf. Allerdings zu Fuß. Er erreichte die italienische Hauptstadt am 29.05.1979. Unterwegs hatte er unzählige Weine probiert und aufgrund der hohen Literzahl war mehrere Male vom Weg abgekommen.

 

In Rom angekommen besuchte er zuerst eine Taverne, wo er sich erst einmal ausruhte und dann betrank. Am frühen Abend machte er einen kleinen Stadtbummel und kaufte einige Souvenirs. Darunter auch ein großer, eigentlich recht komischen, Kugelschreiber. Anschließend lies er den Abend bei 3-4 Flaschen Wein ausklingen. Am nächsten Morgen stand er ungewöhnlich früh auf, ging in einen Kiosk, kaufte sich ein paar Bier und ein Poesialbum. Er hatte sich vorgenommen in Zukunft Autogramme von den besonderen Persönlichkeiten die er so kennen lernen Würde zu verlangen. Also machte er sich direkt auf um einen der bekanntesten Menschen überhaupt nach einer Unterschrift zu Fragen. Er ging zum Petersplatz, wo der Heilige Vater gerade die Generalaudienz abhielt. Im Anschluss ging der Papst noch durch die ersten Reihen der Wartenden, in denen nun auch Viktor stand. Also Johannes Paul 2. vorbei kam, hielt Vukadinowitsch ihm den Stift hin. Leider dachte der Pontifex das es ein Stab sei und das Viktor ihm ihn schenken wollte. Er steckte ihn ein und nahm in ohne ein Wort zu sagen mit. Enttäuscht verließ Viktor den Platz, schmiss das Album in den nächsten Mülleimer und begab sich in die nächste Taverne. Am 2. Juni, also nur 3 Tage später trat der Heilige Vater seine Apostolische Reise nach Polen an. Kurioserweise vergaßen die Bediensteten des Papstes das Geschenk das er Lech Walesa, dem polnischen Streikführer, mitbringen wollte. Man bemerkte dies allerdings erst als sie voreinander standen. Johannes Paul reagierte Geistesgegenwärtig und zog den Stift (in den passenderweise ein Bild des Kirchenoberhaupts eingearbeitet war) den er von Viktor „bekommen“ hatte und überreichte ihn Walesa. Dieser unterschrieb am 31. August 1980 mit jenem Stift eine Erklärung mit der ein Ende des Streiks besiegelt, der Weg für Demokratie in Osteuropa frei und der Untergang des Ostblocks eingeläutet wurde.

Lech Walesa beim Unterzeichnen in der Leninwerf Lech Walesa beim Unterzeichnen in der Leninwerf